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Freundschaft in der Gesellschaft

Arbeitswelt vs. Freundschaft: Wenn die Zeit fehlt

Empirische Studien zeigen, dass die Anforderungen der modernen Arbeitswelt die Freundschaftspraxis im Erwachsenenalter erheblich unter Druck setzen. Die Deregulierung von Erwerbsarbeit, die Flexibilisierung von Arbeitszeit, verdichtete.

Von Fraily RedaktionLesezeit ca. 9 Minuten

Wie schadet die Arbeitswelt Freundschaften?

Empirische Studien zeigen, dass die Anforderungen der modernen Arbeitswelt die Freundschaftspraxis im Erwachsenenalter erheblich unter Druck setzen. Die Deregulierung von Erwerbsarbeit, die Flexibilisierung von Arbeitszeit, verdichtete Leistungsanforderungen sowie die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit verändern grundlegend, wie Menschen Freundschaften leben können.

Erika Alleweldt (2013) untersuchte in einer Berliner Fallstudie die Freundschaftspraxis von Frauen aus verschiedenen Milieus und legte eine zentrale Spannung offen: Alle befragten Frauen wünschten sich ein ganzheitliches Freundschaftsideal — Intimität und Aufgehobensein. Zugleich waren sie überfordert, solche Freundschaften tatsächlich zu führen. Die Ausdifferenzierung moderner Alltagswelten und Berufsrealitäten erschwert es, Freundschaften als gemeinsamen Lebensraum zu erleben. Dominant werden stattdessen der Organisationsaufwand (einen Termin für ein Treffen zu finden) und das Beziehungsmanagement (Treffen werden zu Terminen, die „abgearbeitet" werden). Im Vergleich zu früheren Lebensphasen haben die Frauen im Alltag kaum etwas Gemeinsames; das Gemeinsame erschöpfe sich „vor allem im privaten Gespräch über die außerhalb der Freundschaft liegenden Lebenskreise."

Dreifachbelastung

Alleweldts These einer „Profanisierung der Freundschaft" fasst diese Entwicklung zusammen: Das Freundschaftsverständnis wird immer weniger von der normativen Frage nach der „guten" Freundschaft bestimmt; für viele spielt stattdessen die Anzahl der Freunde eine Rolle. Große Freundeskreise werden zum Inbegriff sozialer Anerkennung.

Steve Stiehler (2009, 2019) kommt in seinen Studien zu Männerfreundschaften zu ähnlichen Ergebnissen. Auch hier beeinflusst der Erwerbsarbeitswandel den „Charakter von Freundschaft". Stiehler formuliert eine zunehmende Fragmentierung von lebensabschnittsbezogenen Freundschaften unter Männern. Insgesamt wird die differenzierte Freundschaft im Sinne Simmels damit „hochgradig zweckmäßig und notwendig" (Schmidl, 2017) — aber eben auch pragmatisiert und ihrer normativen Aufladung beraubt. Diese Befunde ergänzen die psychologische Perspektive auf den Einfluss von Mobilität auf Freundschaftsnetzwerke um eine sozialstrukturelle Dimension.

Mobilität und Fragmentierung

Alleweldts (2013) qualitative Studie basiert auf einem Milieuvergleich in Berlin und liefert dichte Beschreibungen. Stiehlers (2009, 2019) Arbeiten zu Männerfreundschaften ergänzen die Geschlechterperspektive. Beide Studien stehen im Kontext der soziologischen Modernisierungstheorie (Beck, 1986; Giddens, 1995) und der Debatte um Subjektivierung von Arbeit (Bröckling, 2007). Sie belegen empirisch, was die soziologische Theorie über die Folgen von Individualisierung für persönliche Beziehungen postuliert, und zeigen, dass über die Einbeziehung des sozialen Kontextes offensichtlich wird, wie Freundschaften durch gesellschaftliche Prozesse determiniert werden (Alleweldt, 2013).

Die empirische Basis ist schmal: Es handelt sich um qualitative Fallstudien mit begrenzten Stichproben, die primär westdeutsche urbane Milieus abbilden. Ob die beschriebenen Muster in ländlichen Regionen, anderen Kulturen oder bei anderen Altersgruppen gleichermaßen gelten, bleibt offen. Zudem könnte das Spannungsverhältnis zwischen Freundschaftsideal und -praxis ein kulturelles Artefakt sein: Die normative Aufladung des „ganzheitlichen" Freundschaftsideals ist historisch gewachsen und keineswegs universal. Es fehlen Vergleichsdaten aus früheren Jahrzehnten, die zeigen könnten, ob die Profanisierung tatsächlich zugenommen hat.

Erschöpfung nach Feierabend

Die aktuelle Forschungslage zu diesem Aspekt wird im Folgenden zusammengefasst.

Strategien für Balance

Die aktuelle Forschungslage zu diesem Aspekt wird im Folgenden zusammengefasst.

Freundschaft aktiv gestalten

Gesellschaftliche Veränderungen machen Freundschaften nicht einfacher – aber umso wichtiger. Fraily hilft dir, den Überblick über deine Kontakte zu behalten und Freundschaften bewusst zu pflegen.

Häufige Fragen

Schadet die Arbeit der Freundschaft?
Empirische Studien zeigen, dass die Anforderungen der modernen Arbeitswelt die Freundschaftspraxis im Erwachsenenalter erheblich unter Druck setzen.
Wie finde ich Zeit für Freunde?
Erika Alleweldt (2013) untersuchte in einer Berliner Fallstudie die Freundschaftspraxis von Frauen aus verschiedenen Milieus und legte eine zentrale Spannung offen: Alle befragten Frauen wünschten sich ein ganzheitliches Freundschaftsideal — Intimität und Aufgehobensein.
Kann der Arbeitsplatz Freundschaften ersetzen?
Steve Stiehler (2009, 2019) kommt in seinen Studien zu Männerfreundschaften zu ähnlichen Ergebnissen. Auch hier beeinflusst der Erwerbsarbeitswandel den „Charakter von Freundschaft".
Was tun gegen Zeitmangel?
Alleweldts These einer „Profanisierung der Freundschaft" fasst diese Entwicklung zusammen: Das Freundschaftsverständnis wird immer weniger von der normativen Frage nach der „guten" Freundschaft bestimmt; für viele spielt stattdessen die Anzahl der Freunde eine Rolle.

Quellen

  1. P31.03.26(2) Strukturierte Individualisierung: Über das zeitdiagnostische Potenzial der Freundschaft.
  2. Alleweldt (2013). Die differenzierten Welten der Frauenfreundschaften: Eine Berliner Fallstudie. Weilerswist: Velbrück.P31.03.26(2).
  3. Stiehler (2009). Männerfreundschaften. Grundlagen und Dynamiken einer vernachlässigten Ressource. Weinheim, München: Beltz Juventa.P31.03.26(2).
  4. Stiehler (2019). Zur Zukunft der Freundschaft. Freundschaft zwischen Idealisierung und Auflösung. Berlin: Frank & Timme.P31.03.26(2).