Was ist Freundschaft
Aristoteles’ drei Freundschaftstypen: Tugend, Lust und Nutzen
Aristoteles entwickelte in der Nikomachischen Ethikdie älteste systematische Freundschaftstheorie. Seine Dreiteilung in Tugend-, Lust- und Nutzenfreundschaft ist über 2.400 Jahre alt – und erstaunlich hilfreich, um die eigenen Freundschaften zu verstehen. Die entscheidende Frage: Schätzt du deinen Freund um seinetwillen – oder wegen eines Vorteils?
Welche drei Typen unterscheidet Aristoteles?
Aristoteles unterscheidet in den Büchern VIII und IX der Nikomachischen Ethikdrei Grundtypen von Freundschaft – basierend auf der Eigenschaft, die Freunde aneinander schätzen: Tugend, Vergnügen oder Nutzen. Er argumentiert, dass Freundschaft (philia) der Schlüssel zum menschlichen Glück ist – aber nicht jede Form gleich wertvoll.
| Typ | Grundlage | Beständigkeit | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Tugendfreundschaft | Bewunderung des Charakters | Sehr hoch | Lebenslange beste Freunde |
| Lustfreundschaft | Geteiltes Vergnügen | Mittel | Sportpartner, Stammtisch |
| Nutzenfreundschaft | Gegenseitiger praktischer Vorteil | Gering | Geschäftskontakte, Empfehlungsnetzwerke |
Nach Aristoteles, Nikomachische Ethik VIII–IX.
Tugendfreundschaft: die höchste Form
In der Tugendfreundschaft bewundern beide Freunde die innere Tugend (arete) des anderen – seinen Charakter, seine Integrität, seine Werte. Weil Tugenden stabil sind und in Krisenzeiten bestehen bleiben, ist diese Freundschaft besonders beständig. Der Freund wird als „anderes Selbst“erlebt – er erweitert die eigene Identität.
Cooper (1977) formuliert es prägnant: Durch den Freund gewinnt man einen „objektiven Blick auf sich selbst“. Man erkennt den Freund als grundlegend ähnlich und kann ihn doch distanziert genug betrachten, um objektiv zu urteilen. Diese Fähigkeit zur Selbsterkenntnis durch den Freund ist für Aristoteles ein wesentlicher Grund, warum Freundschaft zum Glück beiträgt.
Entscheidend ist die Rangordnung der Wertschätzung: Man findet den Freund nützlich und angenehm, weilman ihn als Person liebt – nicht umgekehrt. Wer den Freund nur wegen seines Nutzens oder seiner Unterhaltsamkeit schätzt, macht ihn zum Instrument und verfehlt die echte Wechselseitigkeit.
Die Tugendfreundschaft setzt voraus, dass beide den vollständigen Charakter des anderen kennen. Das erfordert Zeit, gemeinsame Erfahrungen und die Bereitschaft, sich verletzlich zu machen. Sherman (1987) betont, dass Freundschaft den „Kontext für den Ausdruck von Tugend und letztlich für Glück“ schafft.
Lust- und Nutzenfreundschaft
Lustfreundschaftbasiert auf geteiltem Vergnügen: Der Freund ist witzig, unterhaltsam, ein guter Gesprächspartner. Diese Freundschaften sind lebendiger als Nutzenfreundschaften, aber fragil – ändert sich das Vergnügen, gerät die Beziehung ins Wanken. Aristoteles ordnet sie typischerweise der Jugend zu, in der Freundschaften häufig auf gemeinsamen Erlebnissen basieren.
Nutzenfreundschaftist die fragilste Form. Beide Seiten profitieren praktisch voneinander: durch geschäftliche Verbindungen, Empfehlungen oder gegenseitige Hilfe. Sobald der Nutzen wegfällt, endet die Beziehung. Das macht sie nicht wertlos – Aristoteles erkennt an, dass Freunde auch Instrumente des Glücks sind, denn ohne sie können wir edle Handlungen kaum vollbringen.
Die drei Typen überschneiden sich häufig. Auch die Tugendfreundschaft enthält Elemente des Vergnügens und des Nutzens – und wird dadurch nicht gemindert. Die Frage ist nicht, ob Vergnügen oder Nutzen vorhanden sind, sondern ob sie die Grundlage oder ein Nebeneffekt der Freundschaft sind.
Ist die Einteilung heute noch relevant?
Die Kernfrage – schätzt du den Freund um seinetwillen oder wegen eines Vorteils?– ist zeitlos. Sie hilft, die eigenen Beziehungen ehrlich einzuordnen: Welche Freundschaften basieren auf echtem Interesse am anderen? Welche würden enden, wenn der gemeinsame Kontext wegfällt?
Aber die Grenzen der Klassifikation sind offensichtlich. Aristoteles beschränkt die höchste Freundschaft auf gleichgestellte, tugendhafte Erwachsene – und meint damit ausschließlich freie Männer der griechischen Gesellschaft. Frauen, Sklaven und Kinder waren ausgeschlossen. Zudem setzt die Tugendfreundschaft voraus, dass Menschen objektiv tugendhafte Eigenschaften besitzen – eine Annahme, die im modernen Wertepluralismus schwer haltbar ist.
Moderne Freundschaftsdefinitionen betonen daher stärker emotionale Nähe, Freiwilligkeit und informellen Charakter als Tugend. Die Dreiteilung bleibt aber als Reflexionswerkzeug wertvoll: Sie zwingt dazu, die Grundlageeiner Beziehung zu hinterfragen – und das ist in jeder Epoche nützlich.
Was bedeutet Philia?
Das griechische philiaist deutlich breiter als das moderne Wort „Freundschaft“. Aristoteles zählt auch Familienbeziehungen, Mitbürger und Geschäftskontakte dazu – der Schuster im Viertel gehört ebenso zur philia wie der beste Freund.
Pakaluk (2005) beschreibt philia als jede Zuneigung, die auf Erwiderung hofft oder Erwiderung findet– egal wie abgeschwächt. Innerhalb dieses breiten Spektrums stellt Aristoteles die tugendbasierte Freundschaft unter Gleichen an die Spitze. Die „geringeren Formen“ haben dennoch ihren Wert.
Für die Abgrenzung von Freundschaft und anderen Beziehungsformen ist dieses breite Verständnis wichtig: Aristoteles' philia warnt davor, den Freundschaftsbegriff zu eng zu fassen. Wertschätzungskommunikation – das Erkennen und Erwidern von Zuneigung – ist das verbindende Element aller Formen.
Häufige Fragen
- Welche Arten von Freundschaft gibt es nach Aristoteles?
- Aristoteles unterscheidet drei Typen: Tugendfreundschaft (auf Bewunderung des Charakters), Lustfreundschaft (auf geteiltem Vergnügen) und Nutzenfreundschaft (auf gegenseitigem praktischen Vorteil). Alle drei erfordern Wechselseitigkeit, aber nur die Tugendfreundschaft gilt als vollkommene Freundschaft.
- Was ist eine Tugendfreundschaft?
- Die höchste Freundschaftsform nach Aristoteles. Beide Freunde bewundern die innere Tugend (arete) des anderen – seinen Charakter, seine Integrität, seine Werte. Da Tugenden stabil sind, ist diese Freundschaft besonders beständig. Der Freund wird als „anderes Selbst“ erlebt.
- Was bedeutet Philia bei Aristoteles?
- Philia ist breiter als das moderne Wort „Freundschaft“. Aristoteles zählt auch Familienbeziehungen, Mitbürger und Geschäftskontakte dazu. Pakaluk beschreibt Philia als jede Zuneigung, die auf Erwiderung hofft oder Erwiderung findet – egal wie abgeschwächt.
- Ist die Einteilung heute noch aktuell?
- Die Dreiteilung selbst bleibt aufschlussreich. Die Kernfrage – schätzt du den Freund um seinetwillen oder wegen eines Vorteils? – ist zeitlos. Aber Aristoteles’ Einschränkung auf tugendhafte, gleichgestellte Männer ist überholt. Moderne Definitionen betonen emotionale Nähe und Freiwilligkeit statt Tugend.
Quellen
- Aristoteles. Nikomachische Ethik, Bücher VIII–IX.
- Cooper, J. M. (1977). Aristotle on the forms of friendship. The Review of Metaphysics, 30(4), 619–648.
- Sherman, N. (1987). Aristotle on friendship and the shared life. Philosophy and Phenomenological Research, 47(4), 589–613.
- Pakaluk, M. (2005). Aristotle's Nicomachean Ethics: An Introduction. Cambridge University Press.