Gemeinsam Essen & Gastgeben
Dinner-Partys als soziales Statement: Kulturelles Kapital am Esstisch
Mellor, Blake und Crane (2010) zeigen auf Basis von 36 Lebensgeschichten und 7 Haushalts-Interviews in einer wohlhabenden Kleinstadt in West Yorkshire, wie Dinner-Partys in der britischen Mittelschicht zur Performance und Sicherung von.
Dinner-Party als Statement
Mellor, Blake und Crane (2010) zeigen auf Basis von 36 Lebensgeschichten und 7 Haushalts-Interviews in einer wohlhabenden Kleinstadt in West Yorkshire, wie Dinner-Partys in der britischen Mittelschicht zur Performance und Sicherung von Klassenprivileg werden. Die Autorinnen greifen auf Pierre Bourdieus Konzept des kulturellen Kapitals zurück: Kulturelles Kapital sind die Kenntnisse, Dispositionen und Geschmackspräferenzen, die eine Gruppe nutzt, um sich gegen andere abzugrenzen und Zugehörigkeit zu markieren.
Dinner-Partys eignen sich besonders gut als Bühne dieser Signalisierung, weil sie mehrere Kapitalformen gleichzeitig adressieren. Das Essen demonstriert kulinarische Kenntnis (z.B. Wissen um authentische oder exotische Zutaten, lokal produzierte Lebensmittel statt Supermarktware). Die Gesprächsführung zeigt intellektuelle Bildung. Die Tischgestaltung und das Haus selbst zeigen ökonomisches Kapital. Die Gästeliste belegt das soziale Netzwerk. Wer eine gelungene Dinner-Party ausrichtet, demonstriert alle drei Kapitalsorten gleichzeitig und konvertiert sie ineinander.
Die Mellor-Studie
Ein zentrales Ergebnis: Die berühmte Aussage einer Teilnehmerin, "When I'm doing a dinner party I don't go for the Tesco cheeses", ist ein Klassensignal en miniature. Sich explizit vom Supermarkt abzugrenzen und Wochenmarkt-Käse anzubieten, markiert den Anspruch auf "Authentizität" und Distinktion — ein Konzept, das Johnston und Baumann (2007) als Abkehr vom expliziten "food snobbism" hin zur Legitimierung durch Authentisch-Sein oder Exotisch-Sein beschreiben.
Die Wirkung reicht über den Abend hinaus. Gelungene Performances ziehen Gegeneinladungen nach sich und verdichten das Netzwerk. Scheiternde Performances — der falsche Käse, die peinliche Dekoration — führen dazu, dass soziale Beziehungen sich "zurückziehen". Die Dinner-Party ist damit kein neutrales Freundschaftsritual, sondern ein Distinktionsmechanismus.
Kulturelles Kapital
Mellor et al. greifen auf Bourdieus "Distinktion" (1984) zurück und bauen auf Ball (2003), Devine (2004) und Lawler (2005) auf. Sie kritisieren Giddens' Konzept der "reinen Beziehung" (Freundschaft transzendiere Material- und Sozialbande): Empirisch ist Freundschaft in der britischen Mittelschicht stark klassenstrukturiert. Die Studie gehört zu den wenigen qualitativen Untersuchungen zum privaten Gastgeben, während die meiste Forschung Essen außer Haus fokussiert.
Die Studie ist ein Fallstudiendesign in einer britischen Kleinstadt und nicht generalisierbar. In anderen kulturellen Kontexten — kollektivistischen Gesellschaften, Arbeitermilieus, US-amerikanischen "casual potlucks" — funktioniert Gastgeben anders. Zudem zeigen Yousuf & Backer (2016), dass Gastgeben gegenüber Verwandten weniger Performance-orientiert ist als gegenüber Freunden. Die Befunde gelten also primär für freundschaftsorientiertes Gastgeben in klassenbewussten Milieus. Kritiker argumentieren auch, dass der Bourdieusche Blick zu deterministisch sei und Authentizität in Gastgeberhandlungen zu wenig berücksichtige.
Bewusste und unbewusste Signale
Die aktuelle Forschungslage zu diesem Aspekt wird im Folgenden zusammengefasst.
Authentisch vs. inszeniert
Die aktuelle Forschungslage zu diesem Aspekt wird im Folgenden zusammengefasst.
Gemeinsam essen, Freundschaften stärken
Ein gutes Essen bringt Menschen zusammen – aber nur, wenn die Einladung auch passiert. Fraily erinnert dich daran, deine Freunde regelmäßig einzuladen und den Kontakt lebendig zu halten.
Häufige Fragen
- Sind Dinner-Partys ein Statussymbol?
- Mellor, Blake und Crane (2010) zeigen auf Basis von 36 Lebensgeschichten und 7 Haushalts-Interviews in einer wohlhabenden Kleinstadt in West Yorkshire, wie Dinner-Partys in der britischen Mittelschicht zur Performance und Sicherung von Klassenprivileg werden.
- Was verraten Dinner-Einladungen über den Gastgeber?
- Die Wirkung reicht über den Abend hinaus. Gelungene Performances ziehen Gegeneinladungen nach sich und verdichten das Netzwerk. Scheiternde Performances — der falsche Käse, die peinliche Dekoration — führen dazu, dass soziale Beziehungen sich "zurückziehen".
- Ist kulturelles Kapital beim Essen wichtig?
- Dinner-Partys eignen sich besonders gut als Bühne dieser Signalisierung, weil sie mehrere Kapitalformen gleichzeitig adressieren. Das Essen demonstriert kulinarische Kenntnis (z.B.
- Kann man authentisch einladen?
- Ein zentrales Ergebnis: Die berühmte Aussage einer Teilnehmerin, "When I'm doing a dinner party I don't go for the Tesco cheeses", ist ein Klassensignal en miniature.
Quellen
- Mellor, Blake & Crane (2010). "When I'm Doing a Dinner Party I Don't Go for the Tesco Cheeses". Food, Culture & Society, 13(1), 115-134.
- Bourdieu (1984). Distinction.Mellor et al., 2010.
- Johnston & Baumann (2007). Mellor et al., 2010.
- Mellor, Blake & Crane (2010).