Skip to content
Fraily

Gemeinsam Essen & Gastgeben

Was dein Essen über dich verrät: Klasse und Geschmack

Essenswahl ist bei Dinner-Partys nach Mellor, Blake und Crane (2010) das sichtbarste Medium, in dem sich Klasse und Geschmack öffentlich zeigen. Das Servieren bestimmter Speisen signalisiert nicht nur persönliche Vorlieben, sondern positioniert.

Von Fraily RedaktionLesezeit ca. 9 Minuten

Was verrät dein Essen?

Essenswahl ist bei Dinner-Partys nach Mellor, Blake und Crane (2010) das sichtbarste Medium, in dem sich Klasse und Geschmack öffentlich zeigen. Das Servieren bestimmter Speisen signalisiert nicht nur persönliche Vorlieben, sondern positioniert den Gastgeber innerhalb sozialer Hierarchien.

Im Zentrum steht nicht mehr — wie noch bei Bourdieu (1984) — die klassische Unterscheidung zwischen Haute Cuisine und Massenware. Johnston und Baumann (2007) zeigen, dass sich die Legitimations­logik verschoben hat: Essen gilt heute als “geschmackvoll”, wenn es als authentisch (traditionell, regional, handwerklich) oder exotisch (fremd-kulinarisch, ungewöhnlich) eingeordnet werden kann. Die Mellor-Teilnehmerin, die sagt “I don’t go for the Tesco cheeses, I go to the farmers’ market”, vollzieht genau diese Bewegung: Sie markiert Authentizität durch lokale Kleinproduktion.

Bourdieu und kulturelles Kapital

Drei Dimensionen spielen zusammen. Erstens: Herkunft. Lokale Erzeuger, Biomärkte, “small-scale production” werden als moralisch überlegen dargestellt — nicht industriell, getrieben von “love of farming”. Zweitens: Ungewöhnlichkeit. Exotische Zutaten (Sumac, Yuzu, authentisches Kimchi) signalisieren kulinarische Weltläufigkeit. Drittens: Kenntnis. Ein Gastgeber, der die Geschichte des Weins erzählen oder die Reifung des Käses erklären kann, demonstriert kulturelles Kapital, das sich nicht kaufen lässt, sondern erworben werden muss.

Der exklusionäre Effekt ist beabsichtigt: Diese Essensformen sind teurer und setzen Wissen voraus. Damit werden sie “ring-fenced” für Mittelschichts­konsumenten (Bugge 2003). Wer die Codes nicht beherrscht — zur falschen Zeit den falschen Wein mitbringt, den Käse nicht kennt — riskiert eine soziale Sanktion in Form ausbleibender Rückladungen. Essenswahl ist damit eng verknüpft mit der Gesamtperformance der Klassenzugehörigkeit.

Bewusste und unbewusste Signale

Die Analyse steht in der Tradition von Bourdieus “Distinktion” (1984), Savage et al. (2001), Skeggs (2004) und Lawler (2005). Sie ergänzt die Tradition um die Beobachtung, dass Distinktion sich moralisch camoufliert — als ökologische, handwerkliche oder ethische Wahl. Diese Camouflage erschwert es, den klassenspezifischen Charakter des “guten Geschmacks” offen anzusprechen.

Die Studie ist britisch-regional; die genauen Distinktionsmarker variieren kulturell (in Norwegen etwa spielen wildgefangener Fisch und Waldbeeren ähnliche Rollen wie in UK lokaler Käse). Kritiker wie soziologische Theorien der Individualisierung argumentieren, dass Essenswahl heute stärker von individuellen Identitätsentwürfen als von Klassen­zugehörigkeit geprägt werde. Auch die Bewegung hin zu “comfort food” und “trash gourmet” in Teilen urbaner Subkulturen widerspricht dem linearen Exklusivitätsmodell.

Menüwahl als Distinktion

Die aktuelle Forschungslage zu diesem Aspekt wird im Folgenden zusammengefasst.

Muss Essen immer ein Statement sein?

Die aktuelle Forschungslage zu diesem Aspekt wird im Folgenden zusammengefasst.

Gemeinsam essen, Freundschaften stärken

Ein gutes Essen bringt Menschen zusammen – aber nur, wenn die Einladung auch passiert. Fraily erinnert dich daran, deine Freunde regelmäßig einzuladen und den Kontakt lebendig zu halten.

Häufige Fragen

Was sagt Essenswahl über mich?
Essenswahl ist bei Dinner-Partys nach Mellor, Blake und Crane (2010) das sichtbarste Medium, in dem sich Klasse und Geschmack öffentlich zeigen.
Signalisiert mein Menü Status?
Im Zentrum steht nicht mehr — wie noch bei Bourdieu (1984) — die klassische Unterscheidung zwischen Haute Cuisine und Massenware.
Wie beeinflusst Bildung die Essenswahl?
Drei Dimensionen spielen zusammen. Erstens: Herkunft. Lokale Erzeuger, Biomärkte, "small-scale production" werden als moralisch überlegen dargestellt — nicht industriell, getrieben von "love of farming". Zweitens: Ungewöhnlichkeit.
Ist es okay einfach zu kochen?
Der exklusionäre Effekt ist beabsichtigt: Diese Essensformen sind teurer und setzen Wissen voraus. Damit werden sie "ring-fenced" für Mittelschichts­konsumenten (Bugge 2003).

Quellen

  1. Mellor, Blake & Crane (2010). “When I’m Doing a Dinner Party I Don’t Go for the Tesco Cheeses”. Food, Culture & Society, 13(1), 115-134.
  2. Bourdieu (1984). Distinction.Mellor et al., 2010.
  3. Johnston & Baumann (2007). Mellor et al., 2010.
  4. Mellor et al. (2010).