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Freundschaft in der Gesellschaft

Wie Freundesgruppen in Menschenmengen funktionieren

Aveni (1974) widersprach der klassischen Crowd-Theorie (LeBon, Park, Blumer), die Menschenmengen als atomisierte Ansammlungen von Individuen betrachtete, in denen Einzelne ihre Identität aufgeben und einer “kollektiven Seele” unterliegen. In.

Von Fraily RedaktionLesezeit ca. 9 Minuten

Wie verhalten sich Gruppen in Menschenmengen?

Aveni (1974) widersprach der klassischen Crowd-Theorie (LeBon, Park, Blumer), die Menschenmengen als atomisierte Ansammlungen von Individuen betrachtete, in denen Einzelne ihre Identität aufgeben und einer “kollektiven Seele” unterliegen. In einer empirischen Studie am Rand eines Football-Sieges der Ohio State University befragte er 204 Teilnehmer direkt nach ihrer Gruppenzusammensetzung. Das Ergebnis: Nur 26% waren allein unterwegs. 74% waren mit mindestens einer befreundeten Person. 54% dieser Gruppierten waren mit einem Freund, 18% mit zwei, 16% mit drei, 12% mit vier oder mehr.

Zusätzlich: 64% der Befragten gaben an, während des Events weitere bekannte Personen getroffen zu haben — Verwandte, Arbeitskollegen, Mitbewohner, Schulfreunde. Der Median der erkannten Personen lag bei 4,6. Die Menschenmenge war damit weit davon entfernt, anonym zu sein. Sie war ein Netzwerk gekoppelter Freundeskreise.

Die Aveni-Studie

Das hat drei Implikationen. Erstens: Die klassische Crowd-Theorie muss revidiert werden. Verhalten in Mengen lässt sich nicht allein durch Individualpsychologie erklären; Gruppen sind die primäre soziale Einheit. Jede Person trägt ihre Freundschafts­bande in die Menge und handelt in ständiger Referenz zu diesen Banden.

Zweitens: “Anonymität” in Crowds ist eine Variable, keine Konstante. Auch unattached individuals handeln anders, wenn sie wissen, dass Bekannte in der Nähe sind. Die Angst vor Identifikation dämpft enthemmtes Verhalten. Dies hat Implikationen für Eskalations- und Deeskalationsdynamik.

Freunde als soziale Einheit

Drittens: Modelle kollektiven Verhaltens müssen Multi-Level sein. Sie müssen sowohl individuelle Kosten-Nutzen-Rechnungen (Berk 1974) als auch Gruppendynamiken abbilden. Entscheidungen in Crowds werden oft im Freundeskreis-Mikrodialog gefällt, nicht durch einzelne Individuen.

Der Befund ist übertragbar auf andere kollektive Ereignisse: Demonstrationen, Konzerte, Stadion­besuche, Dinner-Events (siehe Dinner-Gruppengröße). Überall agieren Menschen primär als Mitglieder ihrer Freundesgruppen.

Crowds sind keine Massen

Avenis Studie steht gegen die dominierende Tradition von LeBon (1969), Park (1972) und Blumer (1946). Sie schließt sich an Smelser (1962) und Turner & Killian (1972) an, die Gruppenfaktoren in Crowd-Theorien einführten, aber marginal hielten. Quarantelli und Dynes (1970) dokumentierten ähnliche Gruppeneffekte bei Plünderungen während Rassenunruhen der 1960er Jahre. Avenis methodischer Beitrag ist die direkte empirische Messung — frühere Arbeiten beruhten auf Beobachtung.

Die Studie hat methodische Einschränkungen: Keine echte Crowd (die Forscher bezeichnen es selbst als “pre-crowd”), spezifischer Kontext (universitäre Football-Feier), demografisch homogene Stichprobe (junge Studenten). Ob die Befunde auf heterogenere Crowds (religiöse Versammlungen, politische Demonstrationen) übertragbar sind, bleibt offen. Spätere Forschung (Reicher, Drury) hat Avenis Befund bestätigt, aber um soziale Identitätstheorie erweitert: Auch Fremde in Crowds können geteilte soziale Identitäten aktivieren (“Wir Fans”) und handeln dann gruppenförmig, ohne dass persönliche Freundschaften bestehen.

Implikationen für Events

Die aktuelle Forschungslage zu diesem Aspekt wird im Folgenden zusammengefasst.

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Häufige Fragen

Wie verhalten sich Freunde in Menschenmengen?
Das hat drei Implikationen. Erstens: Die klassische Crowd-Theorie muss revidiert werden. Verhalten in Mengen lässt sich nicht allein durch Individualpsychologie erklären; Gruppen sind die primäre soziale Einheit.
Sind Crowds wirklich gesichtslos?
Zweitens: "Anonymität" in Crowds ist eine Variable, keine Konstante. Auch unattached individuals handeln anders, wenn sie wissen, dass Bekannte in der Nähe sind. Die Angst vor Identifikation dämpft enthemmtes Verhalten.
Warum bleiben Gruppen zusammen?
Aveni (1974) widersprach der klassischen Crowd-Theorie (LeBon, Park, Blumer), die Menschenmengen als atomisierte Ansammlungen von Individuen betrachtete, in denen Einzelne ihre Identität aufgeben und einer "kollektiven Seele" unterliegen.
Was bedeutet das für Event-Planung?
Zusätzlich: 64% der Befragten gaben an, während des Events weitere bekannte Personen getroffen zu haben — Verwandte, Arbeitskollegen, Mitbewohner, Schulfreunde. Der Median der erkannten Personen lag bei 4,6. Die Menschenmenge war damit weit davon entfernt, anonym zu sein.

Quellen

  1. Aveni (1974). The Not-So-Lonely Crowd: Friendship Groups in Collective Behavior. Sociometry, 37(1), 96-99.
  2. LeBon (1969). The Crowd.Aveni, 1974.
  3. Smelser (1962). Theory of Collective Behavior.Aveni, 1974.
  4. Aveni (1974).