Freundschaft in der Gesellschaft
Freundschaft im Wandel der Jahrhunderte: Eine kurze Geschichte
Die Bedeutung und das Verständnis von Freundschaft haben sich über die Jahrhunderte grundlegend verändert. Drei große Phasen lassen sich unterscheiden (Schmidt, Guichard, Schuster & Trillmich, 2007):
Wie hat sich Freundschaft verändert?
Die Bedeutung und das Verständnis von Freundschaft haben sich über die Jahrhunderte grundlegend verändert. Drei große Phasen lassen sich unterscheiden (Schmidt, Guichard, Schuster & Trillmich, 2007):
Mittelalter: Freundschaft wurde kaum von Verwandtschaft abgegrenzt, aber eindeutig von Feindschaft unterschieden. Der Begriff bezeichnete eher ein breites Netz wohlgesonnener Beziehungen als eine spezifische, emotional enge Beziehungsform.
Phase 1: Mittelalter
Frühe Neuzeit bis 18. Jahrhundert: Es entwickelte sich ein emotional aufgeladener Freundschaftskult, in dem Freundschaft und romantische Liebe kaum getrennt und entsprechend idealisiert wurden. Freundschaft galt als höchste Form menschlicher Verbundenheit — eine Sichtweise, die sich etwa bei Montaigne widerspiegelt.
19./20. Jahrhundert — Simmels „differenzierte Freundschaft": Georg Simmel (1890) beschrieb einen entscheidenden Wandel: Mit der Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft in viele soziale Sphären war das ganzheitliche Freundschaftsideal nicht mehr tragfähig. An seine Stelle trat die differenzierte Freundschaft, in der verschiedene Freunde verschiedene Seiten der Persönlichkeit ansprechen. Friedrich Tenbruck (1964) verband diesen Wandel mit einer stabilisierenden Funktion: Freundschaften fangen das freigesetzte und verunsicherte Individuum auf und sind „die Ergänzung einer inkompletten sozialen Struktur."
Phase 2: Der Freundschaftskult
20. Jahrhundert: Erst hier etablierte sich das moderne Verständnis von Freundschaft als eigenständige Beziehungsform — nichtsexuell, nichtverwandtschaftlich und nichtnachbarschaftlich. Diese Abgrenzung ermöglichte die heutige psychologische Erforschung von Freundschaften als eigenständiger Kategorie.
Im aktuellen soziologischen Diskurs werden Freundschaften gar zum „Fluchtpunkt sozialer Hoffnungen" erklärt (Bude, 2008): Wo Ehe- und Familienbeziehungen brüchig werden, scheint Freundschaft eine besonders stimmige Beziehungsform zu sein. Freundschaften überdauern nicht selten Partnerschaften und Nachbarschaften (Bude, 2017). Zugleich zeigt sich eine Profanisierung: Das Freundschaftsverständnis wird pragmatischer und die Diskrepanz zwischen ganzheitlichem Ideal und fragmentierter Praxis wächst.
Phase 3: Differenzierte Freundschaft
In der Gegenwart gelten Freundschaften alltagspsychologisch sogar als potenzielle Alternative zur Familie. Dahinter steht die Vorstellung, Menschen könnten ihre Beziehungen befreit vom „Korsett" der Verwandtschaft und Nachbarschaft nach individuellem Gusto gestalten. Neyer und Wrzus (2018) vermuten, dass ein wahrer Kern darin steckt: Menschen gestalten ihre Beziehungen heute stärker im Einklang mit ihrer Persönlichkeit, was zu größerer Vielfalt zwischen Beziehungen führt. Empirisch belegen lässt sich dieser historische Trend jedoch nicht.
Messbar ist hingegen ein gegenläufiger Trend: Die Metaanalyse von Wrzus et al. (2013) zeigte, dass Freundschaftsnetzwerke in den letzten Jahrzehnten kleiner geworden sind — je kürzer das Publikationsjahr zurücklag, desto kleiner fiel das Freundschaftsnetzwerk aus. Bemerkenswerterweise gab es keinen parallelen Trend bei Familiennetzwerken, was der verbreiteten Rhetorik vom „Untergang der Familie" widerspricht.
Der moderne Schrumpfungstrend
Die historische Einordnung basiert auf Schmidt et al. (2007), die den Wandel von Freundschafts- und Verwandtschaftskonzepten über Jahrhunderte nachzeichnen. Der empirische Befund zum Schrumpfen der Freundschaftsnetzwerke stammt aus der Metaanalyse von Wrzus et al. (2013), die aufgrund ihrer Größe (277 Studien, ~180.000 Teilnehmer) als besonders belastbar gilt. Neyer und Wrzus (2018) verbinden beide Perspektiven und vermuten zunehmende Mobilitätsanforderungen als Treiber der Netzwerkverkleinerung.
Historische Aussagen über die Bedeutung von Freundschaft sind notwendig unscharf, da sie auf literarischen und philosophischen Quellen basieren, nicht auf empirischen Daten im modernen Sinne. Der in der Metaanalyse beobachtete Trend zu kleineren Netzwerken könnte auch methodische Ursachen haben (z. B. veränderte Messinstrumente über die Jahrzehnte). Die Frage, ob Freundschaften die Familie „ersetzen", lässt sich empirisch nicht abschließend beantworten — die Befunde zur Netzwerkgröße zeigen eher eine Komplementarität als eine Substitution.
Freundschaft aktiv gestalten
Gesellschaftliche Veränderungen machen Freundschaften nicht einfacher – aber umso wichtiger. Fraily hilft dir, den Überblick über deine Kontakte zu behalten und Freundschaften bewusst zu pflegen.
Häufige Fragen
- Wie hat sich Freundschaft historisch verändert?
- In der Gegenwart gelten Freundschaften alltagspsychologisch sogar als potenzielle Alternative zur Familie. Dahinter steht die Vorstellung, Menschen könnten ihre Beziehungen befreit vom „Korsett" der Verwandtschaft und Nachbarschaft nach individuellem Gusto gestalten.
- Gab es Freundschaft im Mittelalter?
- Die Bedeutung und das Verständnis von Freundschaft haben sich über die Jahrhunderte grundlegend verändert. Drei große Phasen lassen sich unterscheiden (Schmidt, Guichard, Schuster & Trillmich, 2007):
- Seit wann ist Freundschaft privat?
- 19./20. Jahrhundert — Simmels „differenzierte Freundschaft": Georg Simmel (1890) beschrieb einen entscheidenden Wandel: Mit der Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft in viele soziale Sphären war das ganzheitliche Freundschaftsideal nicht mehr tragfähig.
- Schrumpfen Freundschaftsnetzwerke wirklich?
- Die historische Einordnung basiert auf Schmidt et al. (2007), die den Wandel von Freundschafts- und Verwandtschaftskonzepten über Jahrhunderte nachzeichnen. Der empirische Befund zum Schrumpfen der Freundschaftsnetzwerke stammt aus der Metaanalyse von Wrzus et al.
Quellen
- Neyer & Wrzus (2018). Psychologie der Freundschaft. Report Psychologie, 43, 200-207.
- Schmidt, Guichard, Schuster & Trillmich (2007). Freundschaft und Verwandtschaft. Zur Unterscheidung und Verflechtung zweier Beziehungssysteme. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.Neyer & Wrzus, 2018.
- Wrzus, Hänel, Wagner & Neyer (2013). Social network change and life events across the lifespan: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 139, 53-80.Neyer & Wrzus, 2018.
- P31.03.26(2) Strukturierte Individualisierung: Über das zeitdiagnostische Potenzial der Freundschaft.