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Freundschaft in der Gesellschaft

Gleich und gleich entscheidet schlecht? Homophilie in Gruppen

Wenn Menschen sich bevorzugt mit Gleichgesinnten umgeben — ein Phänomen, das als Homophilie bekannt ist — kann dies die Qualität von Gruppenentscheidungen systematisch beeinträchtigen. Der Mechanismus ist Gruppendenken (Groupthink): In homogenen.

Von Fraily RedaktionLesezeit ca. 9 Minuten

Was ist Homophilie in Gruppen?

Wenn Menschen sich bevorzugt mit Gleichgesinnten umgeben — ein Phänomen, das als Homophilie bekannt ist — kann dies die Qualität von Gruppenentscheidungen systematisch beeinträchtigen. Der Mechanismus ist Gruppendenken (Groupthink): In homogenen Gruppen fehlen abweichende Perspektiven, kritisches Hinterfragen wird seltener, und die Gruppe tendiert zu vorschnellem Konsens.

Empirisch belegt wird dieser Zusammenhang eindrucksvoll durch eine Studie von Gompers, Mukharlyamov und Xuan (2016) im Venture-Capital-Bereich. Die Autoren konstruierten einen Affinity Score — einen Gesamtindex der persönlichen Ähnlichkeit zwischen Investorenpaaren, basierend auf gemeinsamer Hochschule, ethnischem Hintergrund, Geschlecht und früherem Arbeitgeber. Das Ergebnis: Je höher der Affinity Score, desto schlechter das Investmentergebnis. Der Effekt ist hochsignifikant (p < 0,01) und bleibt stabil nach Kontrolle für individuelle Fähigkeiten der Investoren.

Die VC-Studie

Besonders aufschlussreich ist die Unterscheidung zwischen Selektion und Behandlung: Ähnliche Investoren wählen nicht schlechtere Projekte aus — die ex-ante-Qualität der Investments korreliert nicht mit dem Affinity Score. Stattdessen treffen sie nach der Investition schlechtere Entscheidungen. Bei Frühphaseninvestments, wo Post-Investment-Entscheidungen besonders wichtig sind (Einstellung von Führungskräften, Strategieanpassungen, Folgefinanzierungen), ist der negative Effekt der Homophilie am stärksten.

Die Diversitätsforschung (Williams & O'Reilly, 1998) erklärt, warum heterogene Teams besser entscheiden: Unterschiedliche Wissensbestände, Erfahrungen und Perspektiven fördern kreativere Lösungsansätze und ein breiteres Spektrum an Handlungsoptionen. Homogene Gruppen hingegen leiden unter Informationsredundanz — alle Mitglieder bringen ähnliches Wissen ein — und unter sozialem Druck, abweichende Meinungen zu unterdrücken.

Mehr Kooperation, schlechtere Entscheidungen

Für Sozialkapital und Freundschaftsnetzwerke bedeutet dies: Netzwerke, die ausschließlich aus ähnlichen Personen bestehen, bieten weniger Zugang zu neuartigen Informationen und Ressourcen. Bridging-Sozialkapital — also Verbindungen zu andersartigen Personengruppen — kann die Entscheidungsqualität und den Informationszugang verbessern.

Die Studie von Gompers et al. (2016) sticht durch ihre Methodik hervor: Über 15.000 Investmentpaare wurden analysiert, kontrafaktische Paare konstruiert und Instrumentalvariablen eingesetzt. Die Messung des Erfolgs (IPO) ist objektiv und nicht von subjektiver Einschätzung abhängig. Die Diversitätsforschung (Williams & O'Reilly, 1998) fasst über 40 Jahre Forschung zusammen und identifiziert konsistent positive Effekte von Perspektivenvielfalt auf Gruppenleistung, besonders bei komplexen Aufgaben. Janis' (1972) Groupthink-Theorie bildet den klassischen Rahmen für das Verständnis, wie Gruppenhomogenität die Entscheidungsqualität untergräbt.

Echokammern im Freundeskreis

Die Befunde stammen aus dem professionellen Kontext (Venture Capital), wo Entscheidungsqualität klar messbar ist. In persönlichen Freundschaften ist die „Qualität" von Entscheidungen schwerer zu operationalisieren. Zudem zeigt die Forschung, dass Homophilie in Freundschaften auch wichtige positive Funktionen hat: Sie erleichtert Verständigung, stärkt Vertrauen und reduziert Konflikte. Der negative Effekt auf die Entscheidungsqualität muss also gegen den emotionalen und sozialen Nutzen von Ähnlichkeit abgewogen werden. Ferner ist die Kausalrichtung nicht eindeutig: Schlechtere Projekte könnten trotz Kontrollen mehr affinity-basierte Syndikate anziehen, weil gute Projekte auch ohne persönliche Verbindungen Partner finden.

Gegenmaßnahmen

Die aktuelle Forschungslage zu diesem Aspekt wird im Folgenden zusammengefasst.

Freundschaft aktiv gestalten

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Häufige Fragen

Treffen ähnliche Gruppen bessere Entscheidungen?
Besonders aufschlussreich ist die Unterscheidung zwischen Selektion und Behandlung: Ähnliche Investoren wählen nicht schlechtere Projekte aus — die ex-ante-Qualität der Investments korreliert nicht mit dem Affinity Score.
Was ist Groupthink?
Wenn Menschen sich bevorzugt mit Gleichgesinnten umgeben — ein Phänomen, das als Homophilie bekannt ist — kann dies die Qualität von Gruppenentscheidungen systematisch beeinträchtigen.
Wie vermeidet man Echokammern?
Empirisch belegt wird dieser Zusammenhang eindrucksvoll durch eine Studie von Gompers, Mukharlyamov und Xuan (2016) im Venture-Capital-Bereich.
Was lehrt die VC-Studie?
Die Diversitätsforschung (Williams & O'Reilly, 1998) erklärt, warum heterogene Teams besser entscheiden: Unterschiedliche Wissensbestände, Erfahrungen und Perspektiven fördern kreativere Lösungsansätze und ein breiteres Spektrum an Handlungsoptionen.

Quellen

  1. Gompers, Mukharlyamov & Xuan (2016). The cost of friendship. Journal of Financial Economics, 000, 1-19.
  2. Williams & O'Reilly (1998). Demography and diversity in organizations: A review of 40 years of research.Gompers et al., 2016.
  3. Janis (1972). Victims of groupthink. Houghton Mifflin.Gompers et al., 2016.
  4. Gompers, Mukharlyamov & Xuan (2016).