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Wie Freundschaften entstehen

Multidimensionale Homophilie: Warum wir auf vielen Ebenen Gleiche anziehen

Menschen besitzen viele Merkmale gleichzeitig — Geschlecht, Ethnie, sozialer Status, Alter — und können in mehreren dieser Dimensionen mit anderen übereinstimmen. Multidimensionale Homophilie beschreibt das Phänomen, dass diese Ähnlichkeiten.

Von Fraily RedaktionLesezeit ca. 9 Minuten

Was ist multidimensionale Homophilie?

Menschen besitzen viele Merkmale gleichzeitig — Geschlecht, Ethnie, sozialer Status, Alter — und können in mehreren dieser Dimensionen mit anderen übereinstimmen. Multidimensionale Homophilie beschreibt das Phänomen, dass diese Ähnlichkeiten nicht unabhängig voneinander auf die Freundschaftsbildung wirken, sondern sich in ihrer Wirkung gegenseitig beeinflussen.

Die zentrale Erkenntnis einer Längsschnittstudie über elf Schulklassen in Schottland, England/Wales und den USA (Grund & Densley): Zwar bestätigen sich die bekannten Homophilie-Effekte — gleiches Geschlecht, gleiche Ethnie oder ähnlicher sozioökonomischer Status erhöhen jeweils die Wahrscheinlichkeit einer Freundschaft. Doch die Interaktion dieser Effekte ist negativ. Wenn zwei Personen auf mehreren Dimensionen gleichzeitig ähnlich sind, steigt die Freundschaftswahrscheinlichkeit weniger als die Summe der Einzeleffekte erwarten ließe. In neun von elf untersuchten Schulen war dieser Interaktionseffekt statistisch signifikant und substanziell.

Abnehmender Grenznutzen

Ein konkretes Beispiel aus den US-Daten: Gleiche Ethnie macht eine Freundschaft 1,67-mal wahrscheinlicher, gleiches Geschlecht erhöht die Wahrscheinlichkeit um den Faktor 1,92. Aber beides zusammen — gleiche Ethnie und gleiches Geschlecht — erhöht die Wahrscheinlichkeit nur um den Faktor 2,03, weit weniger als eine multiplikative Kombination (≈ 3,21) vermuten ließe.

Für diese abnehmenden Erträge gibt es drei Erklärungsansätze. Erstens könnte eine Nutzenobergrenze bestehen: Wenn Bridging-Beziehungen zu verschiedenartigen Personen wertvolle neue Ressourcen und Ideen liefern (Granovetter, 1973; Burt, 1992), wird zu viel Ähnlichkeit redundant. Zweitens schaffen mehrere gemeinsame Merkmale zwar zusätzliche Gelegenheiten zur Begegnung, aber diese übersetzen sich nicht automatisch in Freundschaften — wer sich in einem Kontext nicht mag, wird es anderswo auch nicht tun. Drittens legt die Soziale Identitätstheorie (Tajfel & Turner, 1979; Hogg, 2006) nahe, dass in einer gegebenen Situation jeweils nur eine Ähnlichkeitsdimension salient ist — Jungen auf dem Fußballplatz achten auf gemeinsames Geschlecht, nicht auf Ethnie oder Status.

Welche Dimensionen zählen?

Die Studie von Grund und Densley schließt eine Forschungslücke: Obwohl Homophilie in über hundert Studien nachgewiesen wurde (McPherson et al., 2001), untersuchten fast alle nur einzelne Dimensionen isoliert. Bereits Simmel (1950) konzipierte Individuen als Schnittpunkte mehrerer „sozialer Kreise“, deren Kreuzung Identität konstituiert — ein theoretischer Vorläufer des multidimensionalen Ansatzes. Methodisch nutzt die Studie stochastische akteurorientierte Netzwerkmodelle (SAOMs), die endogene Netzwerkprozesse wie Reziprozität und Transitivität kontrollieren und damit kausal belastbarere Aussagen erlauben als Querschnittsanalysen. Die Replizierung über drei verschiedene Datensätze aus vier Ländern stärkt die Verallgemeinerbarkeit.

Ergänzend zeigen Gompers et al. (2016), dass ein Affinity Score — ein Gesamtindex ähnlichkeitsbasierter Merkmale zwischen Venture-Capital-Investoren — die Zusammenarbeitswahrscheinlichkeit signifikant erhöht, aber die Investmentergebnisse verschlechtert. Dies stützt die These, dass multidimensionale Ähnlichkeit zwar Kooperation fördert, aber Kosten durch Informationsredundanz und Gruppendenken verursachen kann.

Netzwerkeffekte

Die Studie beschränkt sich auf exogene Merkmale (Geschlecht, Ethnie, sozioökonomischer Status), die Individuen kaum verändern können. Ob dieselben abnehmenden Erträge auch für endogene, veränderbare Merkmale (politische Einstellungen, Musikgeschmack) gelten, ist ungeklärt — dort könnten Sozialisationseffekte das Bild verkomplizieren. Zudem wurde nur Homophilie in Jugendfreundschaften im Schulkontext untersucht; ob die Befunde auf Erwachsenenfreundschaften übertragbar sind, bleibt offen. Schaefer (2010) fand mit einer anderen Methodik (mengentheoretischer Ansatz auf Ego-Netzwerken Erwachsener), dass Personen signifikant mehr Beziehungen zu Personen unterhalten, die ihnen in vier oder fünf soziodemografischen Dimensionen ähneln — allerdings ohne Kontrolle für Netzwerkdynamiken oder Gelegenheitsstrukturen.

Praktische Bedeutung

Die aktuelle Forschungslage zu diesem Aspekt wird im Folgenden zusammengefasst.

Freundschaften brauchen Initiative

Die Forschung zeigt: Freundschaften entstehen durch wiederholten Kontakt und geteilte Erlebnisse. Fraily erinnert dich daran, den nächsten Schritt zu machen – bevor der Alltag es verhindert.

Häufige Fragen

Was bedeutet multidimensionale Homophilie?
Menschen besitzen viele Merkmale gleichzeitig — Geschlecht, Ethnie, sozialer Status, Alter — und können in mehreren dieser Dimensionen mit anderen übereinstimmen.
Gibt es ein Maximum an Ähnlichkeit?
Für diese abnehmenden Erträge gibt es drei Erklärungsansätze. Erstens könnte eine Nutzenobergrenze bestehen: Wenn Bridging-Beziehungen zu verschiedenartigen Personen wertvolle neue Ressourcen und Ideen liefern (Granovetter, 1973; Burt, 1992), wird zu viel Ähnlichkeit redundant.
Welche Ähnlichkeiten sind am wichtigsten?
Die zentrale Erkenntnis einer Längsschnittstudie über elf Schulklassen in Schottland, England/Wales und den USA (Grund & Densley): Zwar bestätigen sich die bekannten Homophilie-Effekte — gleiches Geschlecht, gleiche Ethnie oder ähnlicher sozioökonomischer Status erhöhen jeweils.
Führt zu viel Ähnlichkeit zu Langeweile?
Ergänzend zeigen Gompers et al. (2016), dass ein Affinity Score — ein Gesamtindex ähnlichkeitsbasierter Merkmale zwischen Venture-Capital-Investoren — die Zusammenarbeitswahrscheinlichkeit signifikant erhöht, aber die Investmentergebnisse verschlechtert.

Quellen

  1. Grund & Densley Multidimensional homophily in friendship networks. Social Networks.
  2. McPherson, Smith-Lovin & Cook (2001). Birds of a feather: Homophily in social networks. Annual Review of Sociology, 27, 415-444.Grund & Densley.
  3. Schaefer (2010). Multidimensional homophily (set-theoretic approach).Grund & Densley.
  4. Gompers, Mukharlyamov & Xuan (2016). The cost of friendship. Journal of Financial Economics, 000, 1-19.