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Freundschaft in der Gesellschaft

Umziehen und Freunde verlieren: Mobilität und Freundschaftsnetzwerke

Wer umzieht, verliert Freunde – das zeigen die Daten. Zunehmende Mobilität hat Freundschaftsnetzwerke in den letzten Jahrzehnten schrumpfenlassen. Doch Mobilität löst nicht nur Verlust aus: Sie führt auch zu einer funktionalen Spezialisierung von Freundschaften.

Von Fraily RedaktionLesezeit ca. 9 Minuten

Was passiert mit Freundschaften beim Umzug?

Soziale Netzwerke werden nach einem Umzug in eine andere Region kleiner. Neyer und Wrzus (2018) sehen in der gestiegenen Mobilität eine wesentliche Erklärung für den in der Meta-Analyse von Wrzus et al. (2013) beobachteten historischen Trend zur Verkleinerung von Freundschaftsnetzwerken.

Die räumliche Nähe, die Freundschaften begünstigt, geht durch Umzüge verloren. Ohne die zufälligen Begegnungen im Alltag fehlt der Treibstoff, der Freundschaften am Leben hält. Der Mere-Exposure-Effekt – wiederholte Begegnung fördert Sympathie – entfällt schlicht.

Kompartmentalisierung erklärt

Ein besonders interessanter Effekt von Mobilität ist die Kompartmentierungvon Freundschaften: Einzelne Freunde erfüllen bestimmte soziale Funktionen, stehen aber nicht mehr umfassend zur Verfügung. Neyer und Wrzus (2018) beschreiben dies anschaulich: Mit X treibt man Sport, mit Y bespricht man Persönliches via Skype, und mit Z spielt man in einer Band – aber mit niemandem teilt man alles.

Diese funktionale Aufteilung steht im Gegensatz zum „nostalgischen Bild“ der umfassenden Freundschaft früherer Zeiten. Sie ähnelt Simmels Konzept der differenzierten Freundschaft: Verschiedene Freunde verbinden sich mit verschiedenen Seiten der Persönlichkeit.

Antizipierte Mobilität

Mobilität löst nicht nur Verlust aus, sondern auch eine Gegenreaktion: Wenn Menschen erwarten, dass sie umziehen müssen, wird ihr Anschlussmotiv aktiviert – das Bedürfnis, soziale Bindungen zu erhalten oder neue aufzubauen.

Sie sind dann bestrebt, ihr soziales Netzwerk beizubehalten oder sogar zu vergrößern. Diese motivationale Aktivierung erklärt, warum manche Menschen nach einem Umzug schnell neue Kontakte knüpfen, während andere in Isolation verharren.

Neue Stadt, neue Freunde?

Die kausale Zuschreibung „Mobilität verkleinert Netzwerke“ ist empirisch schwer zu isolieren, da Mobilität mit vielen anderen Lebensereignissen korreliert – Berufseinstieg, Familiengründung, Bildungswege. Alle diese Ereignisse beeinflussen ihrerseits das Freundschaftsnetzwerk.

Online Social Networks können die Folgen von Mobilität teilweise abfedern, indem sie Freundschaften über große Distanzen aufrechterhalten. Doch für das Wohlbefinden bleibt das persönliche Treffen unersetzbar.

Fernfreundschaften pflegen

Die Kompartmentierung hat Konsequenzen für die Reziprozität in Freundschaften: Wenn Freunde nur noch bestimmte Funktionen erfüllen, verschieben sich die Erwartungen an Gegenseitigkeit. Man erwartet von der Sportfreundin keine emotionale Tiefenberatung.

Für die Pflege von Fernfreundschaften empfiehlt die Forschung: Regelmäßigkeit ist wichtiger als das Medium. Aber planen Sie regelmäßige persönliche Besuche ein – kein digitales Format kann die neurochemische Wirkung einer Umarmung oder eines gemeinsamen Abendessens ersetzen.

Freundschaften über Distanz halten

Ein Umzug muss nicht das Ende einer Freundschaft sein. Fraily zeigt dir, welche Kontakte leiser werden – bevor sie ganz verstummen.

Häufige Fragen

Verliert man beim Umzug Freunde?
Ja – soziale Netzwerke werden nach einem Umzug messbar kleiner. Die Meta-Analyse von Wrzus et al. (2013) zeigt einen historischen Trend: Je höher die Mobilität, desto kleiner die Freundschaftsnetzwerke. Räumliche Nähe, die Freundschaften begünstigt, geht durch Umzüge verloren.
Wie hält man Fernfreundschaften?
Durch regelmäßigen Kontakt – die Kontaktform (Telefon, Video, Text) ist für die Beziehungspflege weniger entscheidend als die Häufigkeit. Allerdings sind persönliche Treffen für das Wohlbefinden überlegen. Online Social Networks können Distanzfreundschaften stabilisieren.
Wie findet man in einer neuen Stadt Freunde?
Antizipierte Mobilität aktiviert das Anschlussmotiv – das Bedürfnis, neue Bindungen aufzubauen. Regelmäßige Präsenz an gleichen Orten (Mere-Exposure-Effekt) und gemeinsame Aktivitäten sind die wirksamsten Strategien für neue Freundschaften.
Was ist Kompartmentalisierung?
Ein Effekt von Mobilität: Einzelne Freunde erfüllen bestimmte soziale Funktionen, stehen aber nicht mehr umfassend zur Verfügung. Mit X treibt man Sport, mit Y bespricht man Persönliches via Skype, mit Z spielt man in einer Band – aber mit niemandem teilt man alles.

Quellen

  1. Neyer, F. J. & Wrzus, C. (2018). Psychologie der Freundschaft. Report Psychologie, 43, 200–207.
  2. Wrzus, C., Hänel, M., Wagner, J. & Neyer, F. J. (2013). Social network change and life events across the lifespan. Psychological Bulletin, 139, 53–80.