Freundschaft in der Gesellschaft
Wenn Freundschaft nicht erwidert wird: Was Statushierarchien verraten
In Freundschaftsnetzwerken werden Teilnehmer typischerweise gebeten, ihre Freunde zu benennen — das Ergebnis ist ein gerichtetes Netzwerk, in dem Freundschaftsnominierungen in nur eine Richtung laufen können. Ein überraschend hoher Anteil dieser.
Was bedeutet unerwiderte Freundschaft?
In Freundschaftsnetzwerken werden Teilnehmer typischerweise gebeten, ihre Freunde zu benennen — das Ergebnis ist ein gerichtetes Netzwerk, in dem Freundschaftsnominierungen in nur eine Richtung laufen können. Ein überraschend hoher Anteil dieser Nominierungen wird nicht erwidert: In der AddHealth-Studie mit über 90.000 US-Schülern an 84 Schulen lag die Reziprozitätsrate selten über 50 % und sank teilweise auf nur 30 % (Ball & Newman, 2013).
Die Analyse dieser nicht-erwiderten Freundschaften zeigt ein bemerkenswertes Muster: In jedem untersuchten Netzwerk lässt sich ein Ranking der Teilnehmer von niedrig bis hoch ableiten, bei dem nahezu alle nicht-erwiderten Freundschaften von einer niedriger rangierenden Person gegenüber einer höher rangierenden bestehen. Nur etwa 2 % der nicht-erwiderten Nominierungen laufen entgegen der Rangordnung — in randomisierten Kontrollnetzwerken wären es rund 10 %. Die Autoren vermuten, dass diese Rankings ein Maß für sozialen Status widerspiegeln.
30-50% sind einseitig
Dabei zeigen sich zwei deutlich unterschiedliche Klassen nicht-erwiederter Freundschaften: Viele fallen zwischen Personen mit ähnlichem Rang — genau wie erwiderte Freundschaften. Diese könnten tatsächlich gegenseitige Beziehungen sein, die nur einseitig erfasst wurden, weil die Befragten maximal zehn Freunde nennen durften. Daneben gibt es einen asymmetrischen „Schwanz" der Verteilung: Niedriger rangierte Personen beanspruchen Freundschaft mit deutlich höher rangierenden, was als aspirationale Freundschaften bezeichnet wird. Diese Nominierungen nehmen mit wachsendem Rangunterschied ab — Personen beanspruchen eher Freundschaft mit moderat höher Rangierenden als mit den Ranghöchsten.
Erwiderte und nicht-erwiderte Freundschaften folgen also unterschiedlichen statistischen Gesetzmäßigkeiten und entstehen wahrscheinlich durch verschiedene Prozesse. Nicht-erwiderte Nominierungen sind keine Messfehler, sondern spiegeln systematisch die soziale Hierarchie innerhalb einer Gemeinschaft wider — ein Befund, der über alle 84 untersuchten Schulnetzwerke konsistent ist und die Rolle von Statusähnlichkeit bei der Freundschaftsbildung unterstreicht.
Statusgefälle und Richtung
Die Studie nutzt Daten der National Longitudinal Study of Adolescent Health (AddHealth), einer der größten Schulnetzwerkstudien der USA. Über 90.000 Schüler der Klassen 7–12 (Alter 12–18) wurden 1994–1995 befragt. Die statistische Methode — Maximum-Likelihood-Schätzung mit Expectation-Maximization-Algorithmus — ermöglicht es, verborgene Rangordnungen aus beobachteten Netzwerkdaten abzuleiten und dabei erwiderte und nicht-erwiderte Freundschaften getrennt zu modellieren. Die Idee, dass nicht-erwiderte Freundschaften Statusunterschiede widerspiegeln, wurde bereits von Homans (1950) und Davis und Leinhardt (1972) formuliert. Ball und Newman formalisieren diese Vermutung erstmals mathematisch und bestätigen sie empirisch über 84 unabhängige Schulnetzwerke hinweg — ein bemerkenswert einheitliches Muster.
Die Studie basiert auf Querschnittsdaten — ob die Rangordnungen über die Zeit stabil bleiben, ist unklar. Die Begrenzung auf maximal zehn Freundschaftsnominierungen könnte die Ergebnisse verzerren, da beliebte Personen möglicherweise nicht alle tatsächlichen Freundschaften auflisten konnten. Die Interpretation nicht-erwiederter Nominierungen als „aspirational" ist eine Vermutung der Autoren — alternative Erklärungen sind möglich: Sørensen und Hallinan (1976) vermuteten, dass etwa die Hälfte der nicht-erwiderten Freundschaften sich zu erwiderten entwickelt und die andere Hälfte verschwindet, was auf instabile oder sich gerade bildende Beziehungen hindeutet. Eine Überprüfung dieser Hypothese erfordert Längsschnittdaten, die hier nicht vorliegen. Zudem sind Rang und Netzwerkkennzahlen nicht unabhängig voneinander, da beide aus denselben Daten stammen.
Warum wir es nicht merken
Die aktuelle Forschungslage zu diesem Aspekt wird im Folgenden zusammengefasst.
Was tun?
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Häufige Fragen
- Wie erkenne ich eine einseitige Freundschaft?
- In Freundschaftsnetzwerken werden Teilnehmer typischerweise gebeten, ihre Freunde zu benennen — das Ergebnis ist ein gerichtetes Netzwerk, in dem Freundschaftsnominierungen in nur eine Richtung laufen können.
- Warum glauben wir Freundschaften seien gegenseitig?
- Die Analyse dieser nicht-erwiderten Freundschaften zeigt ein bemerkenswertes Muster: In jedem untersuchten Netzwerk lässt sich ein Ranking der Teilnehmer von niedrig bis hoch ableiten, bei dem nahezu alle nicht-erwiderten Freundschaften von einer niedriger rangierenden Person.
- Was sagen einseitige Freundschaften über Status?
- Erwiderte und nicht-erwiderte Freundschaften folgen also unterschiedlichen statistischen Gesetzmäßigkeiten und entstehen wahrscheinlich durch verschiedene Prozesse.
- Soll man einseitige Freundschaften beenden?
- Dabei zeigen sich zwei deutlich unterschiedliche Klassen nicht-erwiederter Freundschaften: Viele fallen zwischen Personen mit ähnlichem Rang — genau wie erwiderte Freundschaften.
Quellen
- Ball & Newman (2013). Friendship networks and social status. Network Science, 1(1), 16-30.
- Homans (1950). The Human Group. Harcourt, Brace and World.Ball & Newman, 2013.
- Davis & Leinhardt (1972). The structure of positive interpersonal relations in small groups.Ball & Newman, 2013.
- Sørensen & Hallinan (1976). A reconceptualization of school effects. Sociology of Education, 49, 97-110.Ball & Newman, 2013.