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Wie Freundschaften entstehen

Gleich und gleich gesellt sich gern – Stimmt das wirklich?

Freunde sind sich häufig ähnlich – in Alter, Geschlecht, Bildung und Werten. Dieses Phänomen heißt Homophilieund ist einer der robustesten Befunde der Freundschaftsforschung. Aber die wahrgenommene Ähnlichkeit zählt mehr als die tatsächliche. Und zu viel Ähnlichkeit kann schaden.

Von Fraily RedaktionLesezeit ca. 10 Minuten

Was ist Homophilie?

Homophilie beschreibt die Tendenz, sich mit ähnlichen Menschen zu befreunden. McPherson, Smith-Lovin und Cook (2001) zeigten in der einflussreichsten Übersichtsarbeit zum Thema: Die Ähnlichkeit zeigt sich besonders stark in demographischen Merkmalen (Alter, Geschlecht, Bildung) und in schwächerem Ausmaß in Werthaltungen und Interessen.

Dabei bedingen sich Ähnlichkeit und Gelegenheitsstrukturen gegenseitig: Spätere Freunde treffen an der Universität aufeinander, weilsie aufgrund ähnlicher Bildung und Interessen denselben Weg gewählt haben. Die räumliche Nähe ist also kein Zufall, sondern zum Teil eine Folge vorheriger Ähnlichkeit.

Wahrgenommene vs. tatsächliche Ähnlichkeit

Der zentrale Befund: Nicht die tatsächliche, sondern die wahrgenommene Ähnlichkeitsagt voraus, ob zwei Menschen Freunde werden. Van Zalk und Denissen (2015) zeigten in einer Längsschnittstudie: Die wahrgenommene, aber nicht die tatsächliche Ähnlichkeit in Persönlichkeitseigenschaften sagte das spätere Eingehen von Freundschaften voraus.

Das bedeutet: Es kommt weniger darauf an, ob zwei Menschen objektiv ähnlich sind, als darauf, ob sie sich als ähnlich empfinden. Wer jemanden mag, könnte Ähnlichkeit retrospektiv überschätzen. Die Wirkrichtung ist nicht immer klar trennbar.

Welche Ähnlichkeiten zählen?

Aktivitäts- und Interessenähnlichkeitwiegt für die Freundschaftswahl stärker als Einstellungsähnlichkeit (Werner & Parmelee, 1979). Der Grund: Geteilte Aktivitäten haben direkte Implikationen für gemeinsame Interaktion.

Selfhout et al. (2010) zeigten mittels Netzwerkanalyse, dass nicht die Gesamtähnlichkeit zählt, sondern domänenspezifische Ähnlichkeitin Extraversion (gleicher Interaktionsstil), Verträglichkeit (gleiche Kooperationsbereitschaft) und Offenheit (geteilte Werte und Interessen).

Bei Kindern und Jugendlichen ist besonders die Ähnlichkeit in prosozialem und antisozialem Verhaltenein starker Prädiktor – aggressive Kinder suchen bereits ab dem Vorschulalter gezielt andere aggressive Kinder als Freunde (Haselager et al., 1998).

Die Kosten der Gleichartigkeit

Homophilie hat nicht nur positive Seiten. Gompers, Mukharlyamov und Xuan (2016) zeigten: Venture-Capital-Investoren mit ähnlichem Hintergrundarbeiten zwar häufiger zusammen, treffen dabei aber signifikant schlechtere Entscheidungen– ein Effekt, der auf Gruppendenken und fehlende Perspektivenvielfalt zurückgeführt wird.

Aus soziologischer Perspektive zeigt sich eine weitere Kehrseite: Freundschaften erweisen sich in allen wesentlichen sozialstrukturellen Hinsichten als homogen – in Klasse, Milieu, Alter, Geschlecht und Status (Alleweldt, 2016). Freundschaften besitzen damit eine „Platzanweiserfunktion“: Schichten und Klassen bleiben tendenziell unter sich. Die vermeintlich freie Wahl ist strukturell begrenzt.

Genetische Ähnlichkeit

Die Ähnlichkeit geht tiefer als Bildung und Werte. Christakis und Fowler (2014) zeigten: Freunde sind einander genetisch ähnlicher als Fremde – auf dem Niveau von Cousins vierten Grades. Die Homophilie konzentriert sich besonders auf Gene der Geruchswahrnehmung, während sich bei Immunsystem-Genen Heterophilie zeigt.

Diese biologische Dimension der Freundschaftswahl erweitert das Homophilie-Konzept um einen unbewussten Faktor. Wir wählen Freunde nicht nur nach bewussten Präferenzen und sozialen Gelegenheiten, sondern teilweise auch nach genetischer Ähnlichkeit – ohne es zu wissen.

Grenzen der Forschung

Ob Ähnlichkeit Freundschaft verursacht oder Freundschaft Ähnlichkeit erzeugt (durch Sozialisationseffekte), lässt sich mit Querschnittsdaten nicht klären. Zudem zeigt neuere Forschung, dass Ähnlichkeit auf mehreren Dimensionen gleichzeitig abnehmende Erträgehat – „je ähnlicher, desto wahrscheinlicher“ ist zu einfach gedacht.

Häufige Fragen

Stimmt es, dass Gleich und Gleich sich gern gesellt?
Ja – Homophilie ist einer der robustesten Befunde der Freundschaftsforschung. Freunde sind sich ähnlicher als zufällige Paare – in Alter, Geschlecht, Bildung und Werten (McPherson et al., 2001). Aber: Die wahrgenommene Ähnlichkeit zählt mehr als die tatsächliche.
Welche Ähnlichkeiten sind wichtig für Freundschaft?
Aktivitäts- und Interessenähnlichkeit wiegt stärker als Einstellungsähnlichkeit, weil sie direkte Implikationen für gemeinsame Interaktion hat (Werner & Parmelee, 1979). Bei Jugendlichen ist Ähnlichkeit in prosozialem und antisozialem Verhalten ein besonders starker Prädiktor.
Kann Ähnlichkeit auch schaden?
Ja. Gompers et al. (2016) zeigten: Venture-Capital-Investoren mit ähnlichem Hintergrund arbeiten häufiger zusammen, treffen dabei aber signifikant schlechtere Entscheidungen – durch Gruppendenken und fehlende Perspektivenvielfalt.
Wählen wir unbewusst ähnliche Freunde?
Teilweise. Genomweite Analysen zeigen, dass Freunde auch genetisch ähnlicher sind als Fremde – besonders bei Geruchswahrnehmungsgenen (Christakis & Fowler, 2014). Zudem führt soziale Struktur dazu, dass wir in Kontexten landen, in denen wir ähnliche Menschen treffen – ohne bewusste Wahl.

Quellen

  1. McPherson, M., Smith-Lovin, L. & Cook, J. M. (2001). Birds of a feather. Annual Review of Sociology, 27, 415–444.
  2. van Zalk, M. & Denissen, J. (2015). Idiosyncratic versus social consensus approaches to personality. Journal of Personality and Social Psychology, 109, 121–141.
  3. Selfhout, M. et al. (2010). Emerging late adolescent friendship networks and Big Five. Journal of Personality, 78, 509–538.
  4. Christakis, N. A. & Fowler, J. H. (2014). Friendship and natural selection. PNAS, 111(49), 17421–17426.
  5. Gompers, P. A., Mukharlyamov, V. & Xuan, Y. (2016). The cost of friendship. Journal of Financial Economics, 119, 626–644.
  6. Neyer, F. J. & Wrzus, C. (2018). Psychologie der Freundschaft. Report Psychologie, 43, 200–207.