Die Wissenschaft der Freundschaft
Sind Freunde genetisch verwandt? Was die DNA über Freundschaft verrät
Freunde sind einander genetisch ähnlicher als Fremde aus derselben Population – auf dem Niveau von Cousins vierten Grades. Dieser Befund stammt aus einer genomweiten Analyse von 1.932 Personen und 1.367 Freundespaaren. Besonders überraschend: Die Ähnlichkeit konzentriert sich auf Gene der Geruchswahrnehmung – eine unbewusste Dimension der Freundeswahl.
Sind Freunde genetisch verwandt?
Christakis und Fowler (2014) analysierten genomweite Daten aus der Framingham Heart Study. Sie verglichen die genetische Verwandtschaft von 1.367 Freundespaaren mit zufällig gepaarten Fremden. Das Ergebnis: Freunde weisen einen signifikant höheren Verwandtschaftskoeffizienten auf als Fremde ( +0,0014; p < 2 × 10⁻¹⁶).
Dieser Unterschied entspricht ungefähr dem Verwandtschaftsgrad von Cousins vierten Grades. Das ist gering, aber über das gesamte Genom statistisch robust messbar. Aus den Korrelationen ließ sich ein genetischer „Freundschafts-Score“ berechnen, der in einer unabhängigen Stichprobe vorhersagen konnte, ob zwei Personen befreundet sind.
Welche Gene sind beteiligt?
Das Muster ist nicht einheitlich. Freunde zeigen gegenüber Fremden sowohl genetische Homophilie (Ähnlichkeit) als auch Heterophilie (gezielte Unterschiedlichkeit).
Die Homophilie konzentriert sich besonders auf Gene der olfaktorischen Signalverarbeitung– Freunde besitzen tendenziell ähnliche Gene für die Geruchswahrnehmung. Die Heterophilie zeigt sich verstärkt bei Genen des Immunsystems: Freunde unterscheiden sich in ihren Immunfunktionen.
Beide Muster ergeben evolutionär Sinn. Ähnliche Geruchspräferenzen könnten Freunde in ähnliche Umgebungen führen – über Essensvorlieben oder bevorzugte Aufenthaltsorte. Komplementäre Immunabwehr könnte der Gruppe einen kollektiven Überlebensvorteil bieten.
Geruchsgene und Freundeswahl
Die olfaktorische Homophilie ist der überraschendste Befund. Geruch ist ein Sinn, der oft unbewusst wirkt – wir riechen ähnlich, mögen ähnliche Düfte und werden von ähnlichen Umgebungen angezogen.
Das passt zu einem breiteren Bild: Die in der Freundschaftsforschung dokumentierte Homophilie hat eine biologische Komponente, die über bewusste Präferenzen und soziale Gelegenheitsstrukturen hinausgeht. Wir wählen Freunde nicht nur nach gemeinsamen Interessen oder Werten, sondern teilweise auch nach genetischer Ähnlichkeit – ohne es zu wissen.
Funktionale Verwandtschaft
Aus artvergleichender Perspektive bestätigt Brent et al. (2014), dass Verwandtschaftspräferenzen bei Tierfreundschaften über viele Arten verbreitet sind. Nichtverwandte Freunde könnten als „funktionale Verwandte“mit ähnlichen Genotypen fungieren.
Menschen sind möglicherweise einzigartig im Ausmaß nicht-verwandter Freundschaften – bedingt durch den Mangel an verfügbaren Verwandten in Jäger-Sammler-Gruppen. Aber auch diese nichtverwandten Freunde sind genetisch ähnlicher als zufällige Fremde. Die evolutionäre Basis der Freundeswahl reicht tiefer als bisher angenommen.
Grenzen der Studie
Die Studie basiert auf einer einzigen Population europäischer Abstammung aus Massachusetts. Ein vollständig unabhängiger Replikationsdatensatz existiert nicht. Der genetische Freundschafts-Score erklärt nur 1,4 %der Varianz – Gene sind ein messbarer, aber kleiner Faktor neben sozialen, psychologischen und strukturellen Einflüssen.
Über welche konkreten Mechanismen die genetische Ähnlichkeit die Freundschaftswahl beeinflusst, bleibt ungeklärt. Die olfaktorische Hypothese ist plausibel, aber nicht bewiesen. Was die Studie klar zeigt: Die Freundeswahl hat eine biologische Komponente – auch wenn sie nur einen kleinen Teil des Puzzles erklärt.
Häufige Fragen
- Sind Freunde einander genetisch ähnlich?
- Ja. Christakis und Fowler (2014) zeigten anhand genomweiter Daten von 1.932 Personen: Freunde weisen einen signifikant höheren Verwandtschaftskoeffizienten auf als Fremde. Der Unterschied entspricht ungefähr dem Verwandtschaftsgrad von Cousins vierten Grades.
- Welche Gene beeinflussen die Freundeswahl?
- Besonders Gene der olfaktorischen Signalverarbeitung zeigen Homophilie – Freunde besitzen ähnliche Geruchswahrnehmungsgene. Dagegen zeigt sich bei Immunsystem-Genen Heterophilie: Freunde unterscheiden sich, was der Gruppe einen breiteren Schutz gegen Krankheitserreger bieten könnte.
- Was bedeutet funktionale Verwandtschaft?
- Nicht-verwandte Freunde könnten als „funktionale Verwandte“ fungieren – sie sind genetisch ähnlicher als zufällige Fremde und erfüllen soziale Funktionen, die sonst Verwandten vorbehalten sind. Das stellt die Christakis-Fowler-Befunde in einen evolutionären Rahmen.
- Wählen wir Freunde unbewusst nach Genen?
- Möglicherweise. Ähnliche Geruchsgene könnten Freunde in ähnliche Umgebungen führen – über Essensvorlieben, bevorzugte Aufenthaltsorte oder gemeinsame ästhetische Präferenzen. Der genaue Mechanismus ist aber noch ungeklärt.
Quellen
- Christakis, N. A. & Fowler, J. H. (2014). Friendship and natural selection. Proceedings of the National Academy of Sciences, 111(49), 17421–17426.
- Brent, L. J. N., Chang, S. W. C., Gariépy, J.-F. & Platt, M. L. (2014). The neuroethology of friendship. Annals of the New York Academy of Sciences, 1316, 1–17.