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Die Wissenschaft der Freundschaft

Ist Freundschaft ein Produkt der Evolution? Was Biologie und Genetik sagen

Freundschaft ist kein kulturelles Konstrukt. Dieselben neuronalen Schaltkreise steuern soziale Bindungen bei Vögeln, Nagetieren, Primaten und Menschen. Die Neigung zu sozialen Bindungen ist vererbbar. Und bei Primaten entstanden stabile Gruppen aus dem Einzelgängertum – nicht umgekehrt. Drei Befundlinien sprechen für evolutionäre Wurzeln.

Von Fraily RedaktionLesezeit ca. 9 Minuten

Ist Freundschaft angeboren?

Ja – zumindest die Grundlage. Mehrere Befundlinien sprechen dafür, dass Freundschaft nicht allein eine menschliche Erfindung ist, sondern ein durch natürliche Selektion entstandenes Merkmalmit tiefen evolutionären Wurzeln (Brent et al., 2014).

Die Neigung zu sozialen Bindungen – die affiliative Tendenz– hat eine erbliche Grundlage. Das wurde bei Menschen, Gelbbauchmurmeltieren und Rhesusaffen nachgewiesen. Sozialität ist ein Merkmal, auf das natürliche Selektion wirken kann.

Evolutionäre Ursprünge sozialer Bindung

Bei Primaten war der Urzustand ein solitäres Leben. Shultz et al. (2011) modellierten die Entwicklung primatischer Sozialsysteme und zeigten: Stabile Mehrgruppenverbände entstanden aus dem Einzelgängertum – Haremsstrukturen und Paarbindungen entwickelten sich erst danach. Primaten sind ungewöhnlich in der Seltenheit von Paarbindungen.

Die Triebkräfte zur Gruppenbildung unterscheiden sich zwischen Arten: Bei Primaten war es vermutlich der Wechsel von nachtaktiver zu tagaktiver Lebensweise und der Prädationsdruck. Bei Karnivoren die kooperative Jagd. Bei Vögeln die kooperative Brutpflege. Aber das Ergebnis ist überall ähnlich: stabile soziale Bindungen, die Freundschaft bei Tieren ermöglichen.

Vererbbarkeit von Sozialität

Eine groß angelegte Studie zu 33 Einzelnukleotid-Polymorphismen ergab: Die Gene OPRM1 (μ-Opioid-Rezeptor) und DRD2(Dopamin-D2-Rezeptor) sind stärker mit sozialer Veranlagung und Netzwerkgröße assoziiert als andere soziale Neurohormone (Pearce et al., 2017). Menschen mit niedriger MOR-Dichte zeigen einen vermeidenden Bindungsstil und kleinere soziale Netzwerke.

Das bedeutet nicht, dass Freundschaft genetischdeterminiertist. Umweltfaktoren spielen eine erhebliche Rolle. Aber es bedeutet, dass die biologische Infrastruktur für Freundschaft vererbt wird – ähnlich wie die Fähigkeit zur Sprache vererbt wird, auch wenn die konkrete Sprache erlernt werden muss. Mehr dazu im Artikel über genetische Ähnlichkeit unter Freunden.

Gleiche Schaltkreise über Artgrenzen

Dieselben oder homologe neuronale Schaltkreise – Oxytocin, Endorphine, Dopamin, Serotonin – steuern soziale Verhaltensweisen bei Vögeln, Nagetieren, Primaten und Menschen. Diese artübergreifende Konservierungist das stärkste Argument gegen die Annahme, Freundschaft sei ein kulturelles Konstrukt.

Wenn verschiedene Arten denselben biochemischen Mechanismus für soziale Bindungen nutzen, deutet das auf einen gemeinsamen evolutionären Ursprung hin – nicht auf unabhängige kulturelle Erfindungen.

Die Social-Brain-Hypothese

Die Hypothese von Dunbar (1998) besagt, dass Gruppenleben einen Selektionsdruck für größere Gehirneerzeugte. Die Neokortexgröße korreliert über Arten hinweg mit der sozialen Komplexität. Die Wissenschaft der Freundschaft zeigt damit: Unser Gehirn ist buchstäblich für Freundschaft gebaut worden.

Die Grenzen: Die Hypothese ist korrelativ. Größere Gehirne könnten auch durch ökologische Komplexität erklärt werden. Und ob Freundschaft inallenArten vorkommt, die stabile soziale Gruppen bilden, ist empirisch noch nicht geklärt.

Häufige Fragen

Ist Freundschaft angeboren oder erlernt?
Beides. Die Neigung zu sozialen Bindungen (affiliative Tendenz) hat eine erbliche Grundlage – nachgewiesen bei Menschen, Murmeltieren und Rhesusaffen. Aber welche konkreten Freundschaften entstehen und wie sie gelebt werden, ist stark von Umwelt und Kultur geprägt.
Haben Tiere auch Freundschaften?
Ja. Freundschaft ist bei Schimpansen, Pavianen, Delfinen, Elefanten, Hyänen und Vögeln dokumentiert. Tiere mit engeren sozialen Netzwerken zeigen niedrigere Cortisolwerte und höheren Reproduktionserfolg – Freundschaft hat messbare adaptive Vorteile.
Welche Gene beeinflussen Freundschaft?
Vor allem OPRM1 (μ-Opioid-Rezeptor) und DRD2 (Dopamin-D2-Rezeptor) sind mit sozialer Veranlagung und Netzwerkgröße assoziiert (Pearce et al., 2017). Menschen mit niedriger MOR-Dichte zeigen typischerweise einen vermeidenden Bindungsstil und kleinere soziale Netzwerke.
Seit wann gibt es Freundschaft in der Evolution?
Die homologen neuronalen Schaltkreise, die Freundschaft steuern, finden sich bei Vögeln, Nagetieren und Primaten – was auf einen gemeinsamen evolutionären Ursprung hindeutet. Bei Primaten entstanden stabile Mehrgruppenverbände aus dem Einzelgängertum, vermutlich vor Millionen von Jahren.

Quellen

  1. Brent, L. J. N., Chang, S. W. C., Gariépy, J.-F. & Platt, M. L. (2014). The neuroethology of friendship. Annals of the New York Academy of Sciences, 1316, 1–17.
  2. Shultz, S., Opie, C. & Atkinson, Q. D. (2011). Stepwise evolution of stable sociality in primates. Nature, 479, 219–222.
  3. Dunbar, R. I. M. (1998). The social brain hypothesis. Evolutionary Anthropology, 6(5), 178–190.
  4. Pearce, E., Wlodarski, R., Machin, A. & Dunbar, R. I. M. (2017). Variation in the β-endorphin, oxytocin, and dopamine receptor genes. PNAS, 114, 5300–5305.